Die Versuchung - Tender Loving Care

 

 

Der vielleicht bis auf den heutigen Tag gelungenste interaktive Film tauft sich im Original "Tender Loving Care". Das Spiel, welches man als Psycho-Quiz bezeichnen könnte, geht äußerst unkonventionelle Wege, die es in dieser Form noch nie gab. Der Film konnte eine Weile käuflich auf VHS erworben werden und lief eines Tages gegen 4 Uhr morgens auf Pro7.

 

Die Rolle des Spielers wirkt vergleichbar mit "7th Guest", fälschlicherweise mit "11th Hour" als Vorgänger gesehen. Zum Teil wenden sich die Schauspieler während der Erkundung der Räumlichkeiten direkt an die Kamera, also an den Spieler. Der Spieler kann alle Zimmer, Tagebücher und Notebooks erforschen, einen Blick in die Sachbücher und belletristischen Werke werfen, welche die Handlungsträger in ihren Bücher­re­ga­len rumstehen lassen; darüber hinaus ist er in der Lage, auf eine nicht ganz durchschaubare Weise den Ausgang, weniger den Lauf der Handlung durch seine Antworten im Multiple-Choice-Verfahren zu beeinflussen, indem er seine Meinung über die Psyche der Handlungsträger - und ganz nebenbei auch seine eigene - zum besten gibt.

 

Michael und Allison sind ein ganz normales unglückliches Ehepaar, das den Unfalltod von Tochter Jody unterschiedlich stark verkraftet. Michael scheint das Trauma überwunden zu haben (scheint...), Allison dagegen bildet sich ein, dass Jody noch am Leben ist. Michael bittet Dr. Turner, einen renommierten Psychologen, um Hilfe, der den Spieler als erstes begrüßt und unserem Michael die geheimnisvolle Krankenschwester Kathryn zuweist, deren mystisches und gleichzeitig jugendlich-anziehendes Wesen Michael von Anfang in den Bann zieht und doch abstößt. Kathryn wird auf unbestimmte Zeit den Wohnsitz von Michael und Allison teilen, bis es ihr gelungen ist, Allison wieder zu heilen. Hört sich gut an - doch Michaels Sorgen wachsen, als er bemerkt, dass Kathryn, die das Ganze als Tierversuch zu betrachten scheint, die verwirrte Allison in ihrem Irrglauben bestärkt, dass Jody noch am Leben ist. Drehbuch und Film alleine können sich mit manchem Kino-Thriller messen, auch wenn Kathryns Intention eigentlich nie richtig aufgeklärt wird.

 

Eine absolut faszinierende Story, der jedoch eine gewisse Langsamkeit in der Entwicklung zugestanden werden muss. Die Geschichte ist eingebettet in sehr ästhetische Videos, und sogar die Sex-Szenen wirken notwendig und geschmackvoll (deren Zeigefreudigkeit allerdings auch von der Moral abhängt, mit welcher der Spieler die an ihn gestellten Fragen beantwortet).

 

Die Fachliteratur äußerte sich recht wohlwollend. Das Reizvolle an dem Spiel ist vor allem die Tatsache, dass das Ergebnis der Psycho-Studie in mehrere unterschiedliche Schlusssequenzen münden kann und die Spannung auf den ansonsten nur geringfügig variierenden Gang der Ereignisse anhalten lassen kann.

 

Ein denkbares Ende (Vorsicht Spoiler): In dem Moment, in dem Kathryn ihn bei Allison gar als Mörder nennen will, schlägt Michael sie nieder, und Kathryn stürzt die Treppe hinunter. Sie wird zum total verrückten Pflegefall, und Allison, komplett durchgeknallt, sieht in ihr ihre Tochter Jody. Michael dagegen muss sehen, wie er mit zwei verrückten Frauen zurecht kommt. Das wäre ein weniger schönes Finale, aber ein richtiges Happy-End gibt es eh nicht.

 

Gibt der Spieler an, kein Kostverächter zu sein, wirft Michael schon früh manch begehrlichen Blick auf Kathryn, derweil diese nicht ganz züchtig bekleidet ist - um nicht zu sagen: überhaupt nicht. Es ist eine interessante Täuschung gegenüber dem Spieler, dass er das Spiel teilweise aus der Sicht des gar nicht so anständigen Michael verfolgt. Es fällt schwer, hier irgendwas anzuprangern. Die Entwicklung der Handlung geht wie erwähnt etwas schleppend, aber doch spannend voran.

 

Schade, dass so viele Fragen offen bleiben. Allison will in der Mitte der Handlung eine Geburtstagsfeier für Jody organisieren - warum gerät dies in Vergessenheit? Hat Kathryn oder Michael den Hund getötet? Was sind wirklich die wahren Absichten von Kathryn? Die Schauplätze sind nicht gerade erdrückend in ihrer Vielzahl, über die Interaktion kann man trotz ihrer Originalität streiten, denn herkömmliche (und damit konventionelle) Anforderungen an den Spieler gibt es nicht. Nicht ganz logisch, dass der Spieler einfach permanent durchs Haus irren darf, ohne dass sich die Beteiligten daran stören. Erfreulich auch die vielen Spuren, die gelegt werden, die vielen Informationen, die man über sich selbst erhält. Viel Literatur hält sich im Spiel versteckt. Die Musik wiederholt sich häufig, ist aber hörenswert. Grafik, Videos und Sprachausgabe sind sowieso über jeden Zweifel erhaben.

 

Richtig schwierige Rätsel gibt es nicht. Für einige mag das ein Kritikpunkt sein. Dennoch der König des interaktiven Films.

 

Wertung: 90%

 

 

Presse:

"Überaus gefällig präsentiert. Sehr faszinierend finde ich die Idee des Persönlichkeitsprofils!" (PC Player)

 

"Die Kritiker, die Lobeshymnen spenden, übersehen ganz, dass der Spieler fast nichts zu tun hat!" (PC Joker)

 

"Famose Unterhaltung. Die Storyline ist spannend und die Psycho-Tests geben die richtige Würze!" (Power Play)

 

"Ganz neuer Weg, knallernstes Drama, heißes Thema! Interessant, dass Trilobyte den Streifen mit John Hurt produziert!" (PC Spiel)

 

 

81% (Power Play)

 

79% (PC Player)

 

72% (Gamestar)

 

27% (PC Joker)

 

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